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Auf der Suche nach Stille

Monica Prelle  /  19.10.2022  /  Trailrunning

Eine Läuferin erkundet, was es braucht, um Ruhe in der Welt und in unseren Köpfen zu finden.

Alle Fotos von Steven Gnam 

Am frühen Morgen bricht die Sonne auf einem Waldweg durch die hohen Bäume und wirft Lichtstrahlen durch den Nebel. Die Luft steht still. Herabgefallene Blätter machen den Trail weich und die Erde ist noch feucht vom Regen. Mit jedem Schritt entspanne ich mich und lausche dem Chor der Naturklänge – zirpende Insekten, quakende Frösche, singende Vögel. Die Tropfen der Blätter trommeln auf den Waldboden. Ein kleines Bächlein plätschert und sprudelt. Mein Geist kommt zur Ruhe. Doch schon bald wird der Morgen der Hektik des Tages weichen, wenn der Rest der Welt erwacht und es von Minute zu Minute lauter wird.

In unserem Leben gibt es sehr viel Lärm. Draußen geht ein Autoalarm los, ein Motor knattert und Krankenwagen-Sirenen heulen. Drinnen bringen unsere E-Mails und Telefone uns aus der Ruhe. Selbst wenn wir uns dessen nicht bewusst sind, fordert all dieser Lärm seinen Tribut. Wir tragen Kopfhörer mit Noise-Canceling und spielen Musik, um den Lärm mit noch mehr Lärm zu übertönen. Selbst wenn kein akuter Lärm vorhanden ist, brummt es.

Für viele von uns ist die Welt oft viel zu laut. Es gibt immer weniger Orte der Stille. Jede Generation ist mehr Lärm ausgesetzt als die vorherige. Mit der zunehmenden Besiedlung der Erde und unserer Mobilität steigt auch die Zahl der Straßen, Autobahnen und Flugzeuge. Wir breiten uns außerhalb der Städte aus und bringen die Dinge mit, denen wir zu entkommen hoffen. Laut der Weltgesundheitsorganisation trägt die Lärmbelastung zu Stress, Angst und Depressionen bei. Forschungsergebnisse zeigen, dass dauerhafter tieffrequenter Lärm zu physischen und psychischen Belastungen führt. Und es ist nicht nur der Lärm, der unseren Alltag beeinträchtigt. Auch in unseren Köpfen herrscht ein großes Durcheinander.

Vielleicht brauchen wir die Abwesenheit von Geräuschen nicht. Vielleicht brauchen wir einfach nur das hier. Im Wald herrscht Stille – nur der Fluss und ich, wir fließen und laufen.

Das Chaos beherrscht die Nachrichten. Eine Pandemie bringt ständig neue Herausforderungen. Der Klimawandel verursacht eine Katastrophe nach der anderen. Die Wohnkosten sind in die Höhe geschossen. Der Supreme Court der Vereinigten Staaten hat kürzlich eine Entscheidung gekippt, die das Recht der Frau schützt, über ihren eigenen Körper zu entscheiden. Während ich diese Zeilen Anfang 2022 schreibe, ermorden russische Streitkräfte Ukrainer:innen.

Für mich bringt nur das Laufen diesen Lärm wirklich zum Schweigen. Ich spüre, dass ich das brauche. Ich brauche das sehr!

Natürliche Klänge helfen, das Nervensystem zu regulieren. Es gibt einen Ort im Hoh-Regenwald im Olympic-Nationalpark in Washington, der als einer der ruhigsten Naturräume Nordamerikas gilt. Gordon Hempton, ein Klangökologe und Aktivist für natürliche Stille, hat sich für den Schutz der natürlichen Stille dort eingesetzt.

Der Olympic-Nationalpark ist über 1.400 Quadratmeilen groß und zu 95 Prozent als Wildnis ausgewiesen, und der Hoh-Regenwald beherbergt einige der größten Bestände alter Wälder auf dem amerikanischen Festland. Im Park gibt es Großblättrige Ahorne, Erlen, Zedern, Sitka-Fichten und Douglasien. Süßholzfarne, Keulenmoose, Gräser und Sträucher. Der Park beheimatet 1.200 Pflanzenarten, über 300 Vogelarten, 15 Flüsse und 200 Bäche. Lachse wandern und laichen in den Flüssen.

Hempton glaubt, dass es nur noch wenige Orte auf der Welt gibt, an denen man die natürliche Stille länger als 20 Minuten erleben kann, ohne von Flugzeugen, menschlichen Stimmen oder von nicht natürlichen Geräuschen unterbrochen zu werden. Er setzte sich dafür ein, dass Fluggesellschaften ihre Flugrouten ändern, um die Ruhe im Hoh-Regenwald zu schützen. Keine Straßen durchtrennen den Park. Es gibt keinen Flugtourismus. Die Hoffnung liegt darin, dass auch die umliegenden Gebiete davon profitieren, wenn auch nur ein Quadratzentimeter dieser natürlichen Stille erhalten bleibt.

Aber selbst die ruhigen Orte, die wir in der Natur aufsuchen, können laut sein. Häufig treffen wir auch dort Menschen an, deren Stimmen im Wind wehen. Autotüren öffnen und schließen sich auf Parkplätzen.

Auch die abgelegene Natur ist nicht wirklich ruhig. Alpine Gletscher, Regenwälder, Seen und Bäche können ziemlich laut sein. Das Laub fällt von den Bäumen. Regen, Wind und Vögel durchbrechen die Stille. Die Dünen der Sahara sind dafür bekannt, dass sie summen. Im Hoh-Regenwald tropfen die Moose unaufhörlich, der hohe Schrei eines Weißkopfseeadlers durchschneidet die Geräuschkulisse des Waldes und der Wind rauscht durch die raschelnden Blätter der Baumkronen. Die ruhigsten Orte auf der Erde sind weite Flächen, oft in entlegenen Ecken der Welt.

Aber die meisten von uns haben noch nie die wahre Abwesenheit von Geräuschen gehört.

Der schalltote Raum in der Microsoft-Zentrale in Redmond, Washington, der zum Testen von Audiogeräten verwendet wird, ist mit einem Hintergrundgeräusch von -20,6 Dezibel der leiseste Ort der Welt. Er ist völlig echolos. Aber selbst an einem wirklich stillen Ort ist das menschliche Ohr so empfindlich, dass absolute Stille unmöglich ist. Laut Trevor Cox, dem Autor von „Das Buch der Klänge“, erzeugt dein Körper innere Geräusche, die selbst eine Schallkammer nicht dämpfen kann.Wir hören unseren eigenen Herzschlag, das Blut zirkulieren, die Verdauung rumpeln, ein Klingeln im Ohr. Die Erfahrung wird manchmal als „ohrenbetäubend“ beschrieben.

Da begann ich darüber nachzudenken, wie wir wahre Stille sonst noch definieren könnten. Vielleicht ist es nicht die Abwesenheit von Geräuschen, sondern die Leere in den Gedanken – ein ruhiger Geist. Es ist eine Praxis, die es seit Jahrhunderten in Form von Schweige-Retreats oder täglichen Meditationen gibt. Meditation erhöht nachweislich die Gelassenheit, die körperliche Entspannung, das psychische Gleichgewicht und das allgemeine Wohlbefinden. Alle Formen der Meditation beinhalten die Konzentration auf die Atmung und das Loslassen von Ablenkungen, um innere Ruhe zu erfahren. Das ist etwas, das ich beim Laufen erlebe. Der Schriftsteller Haruki Murakami nennt es „Laufen mit freiem Kopf“.

Wenn ich zu einem Lauf aufbreche, bin ich oft in Gedanken ganz woanders. Der Boden ist hart, gefroren, die Luft knackig und frisch. Das Laub knirscht unter meinen Füßen. Ich komme in einen Rhythmus, atme ein paar Mal tief durch. Der Duft von Zedern, Tannen und Kiefern liegt in der Luft. Ich fange an, loszulassen – die Momente, in denen ich in Panik aufwache, die täglichen To Dos, die Art und Weise, wie ich mich abschotte. Beim Laufen löst sich die Unruhe in meinem Kopf. Die schnelllebige Welt verschwindet in dieser natürlichen inneren Ruhe. Alles entspannt sich, mit jedem Schritt wird die Zeit angehalten. Das ist Stille.

Ich denke an nichts. Nichts ist schön. Vielleicht brauchen wir die Abwesenheit von Geräuschen nicht immer. Vielleicht brauchen wir einfach nur das hier. Im Wald herrscht Stille – nur der Fluss und ich, wir fließen und laufen.

Mehr über die Erfahrung von Stille und Natur findest du auf Patagonia.com/Stories, wo auch ein Kurzfilm zu sehen ist, der in Zusammenarbeit mit dem Pop-Up Magazine entstanden ist.


Weitere Stories aus der Serie „Working Knowledge“.

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