zum warenkorb hinzugefügt

Aus technischen Gründen konnte Ihre Anfrage zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht ordnungsgemäß bearbeitet werden. Wir bitten um Ihr Verständnis.
TIM DAVIS

20 Jahre Bio-Baumwolle

Im Jahre 1994 verabschiedeten wir uns von der chemieintensiven Baumwolle und wechselten für unser gesamtes Produktsortiment zu biologisch angebauter Baumwolle. Rückblickend war dies eine ganz schön gewagte Entscheidung, denn die Baumwollmengen für unsere Produkte waren ziemlich gering im Vergleich zur gigantischen Baumwollproduktion.

Die herkömmliche Baumwollindustrie ist nämlich eine riesige Maschine, die die ganze Welt mit Baumwolle vollpumpt. Baumwolle wird an den globalen Rohstoffmärkten und Warenterminbörsen gehandelt. Neue Ideen haben es hier äußerst schwer, besonders dann, wenn sie von Unternehmen stammen, die - wie wir - nur relativ kleine Mengen benötigen. Wir waren jedoch fest entschlossen und es gab keinen Weg zurück. Wir machten uns also an die Arbeit und setzten uns dabei die folgenden drei Ziele:

1. Verkauf der neuen Bio-Produktreihe
2. Anstoß gesellschaftlicher Veränderungen hin zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft
3. Andere Bekleidungsunternehmen dazu animieren, unserem Beispiel zu folgen und ebenso Bio-Baumwolle zu verarbeiten

Die ersten zwei Ziele haben wir erreicht. Beim dritten Ziel sind wir jedoch kläglich gescheitert.

Unser erstes Ziel war der Verkauf der neuen Bio-Produkte, doch zunächst mussten wir diese herstellen. Vor der Umstellung konnten wir bei zahlreichen Baumwollfabriken die unterschiedlichsten Baumwollstoffe kaufen. Doch mit unserer Entscheidung, nur noch Bio-Baumwolle zu verwenden, verkleinerte sich unsere Auswahl drastisch. In der ersten Saison nach der vollständigen Umstellung im Jahr 1996 konnten wir nur ein reduziertes Produktsortiment anbieten, mit rund 30 Prozent weniger Modellen, weil wir nicht ausreichend Ausgangsstoffe fanden, die unseren Qualitätsstandards entsprachen. Wir mussten also neue Stoffe entwickeln.

Dies erforderte eine völlige Neuorganisation unserer Lieferkette. Zunächst mussten wir Textilfabriken finden, die zum einen unsere Standards erfüllen konnten und zum anderen bereit waren, Bio-Baumwolle zu verarbeiten. Bis dahin hatten wir mit mehreren Spinnereien und Fabriken zusammengearbeitet und einige sehr gute langfristige Partnerschaften aufbauen können. Doch nur wenige waren bereit, mit uns gemeinsam diese neue Herausforderung anzugehen. Üblicherweise arbeiten Bekleidungsunternehmen mit den Fabriken zusammen, die die fertigen Kleidungsstücke produzieren, und manchmal auch mit den Spinnereien, die die Stoffe herstellen. Wir mussten unsere Beziehungen mit der gesamten Lieferkette festigen und viel intensiver mit den einzelnen Partnern zusammenarbeiten. Angefangen bei den Landwirten über die Spinnereien, Webereien, Wirkereien, Strickereien bis hin zu den Färbereien.

Im Prinzip mussten wir unsere ganz eigene Baumwoll-Lieferkette aufbauen. Nur so waren wir in der Lage, neu- und andersartige Garne und Stoffe herzustellen, zu denen wir zuvor keinen Zugang hatten. Dadurch konnten wir uns auch schnell von unserem Rückgang bei den Baumwoll-Modellen erholen. Und dank der neuen Stoffinnovationen verkauften sich die Produkte wirklich gut.

Das zweite Ziel bei der Umstellung auf Bio-Baumwolle war der Anstoß gesellschaftlicher Veränderungen hin zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft. Als wir uns damals zur Umstellung entschlossen, fand das Wort „Bio“ kaum Beachtung in der breiten Öffentlichkeit. Zunächst erwogen wir sogar, den Begriff „nicht-industrielle Baumwolle“ zu verwenden, entschieden uns jedoch schließlich für Bio-Baumwolle. Um das Konzept bekannter zu machen, boten wir in unseren Katalogen und in unseren Einzelhandelsgeschäften entsprechende Informationen an. (Im Jahr 1996 hatten wir noch kein Internet.) Doch mittlerweile, nach über 20 Jahren, ist der Begriff „Bio“ zu einem Alltagsbegriff geworden, insbesondere bei Nahrungsmitteln, aber auch immer mehr bei Kleidung.

Auch wenn wir unsere beiden ersten Ziele erreichen konnten, sind wir mit unserem dritten Ziel – andere Bekleidungsunternehmen dazu zu animieren, unserem Beispiel zu folgen, und ebenso Bio-Baumwolle zu verarbeiten – größtenteils gescheitert. Schon früh zeigten sich einige Unternehmen sehr interessiert und wollten unserem Beispiel folgen. Doch nur wenige haben ihren Absichten, mehr Bio-Baumwolle zu verwenden, Taten folgen lassen. Als wir 1996 unsere erste Bio-Baumwoll-Produktreihe auf den Markt brachten, machte der Anbau von Bio-Baumwolle weniger als 1 Prozent der gesamten angebauten Baumwolle aus. Und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Seinerzeit betrug auch der Anteil der genetisch modifizierten Baumwolle weniger als 1 Prozent. Doch deren Anteil in den USA liegt mittlerweile bei fast 90 Prozent und ist damit deutlich höher als in anderen Ländern.

Dies ist alarmierend, denn die meisten genetisch modifizierten Baumwollsorten wurden entwickelt, um gegen Chemie-Cocktails aus Glyphosat resistent zu sein. Denn in einem Bericht der Internationalen Agentur für Krebsforschung, einer Einrichtung der Weltgesundheitsorganisation, heißt es:

Das Herbizid Glyphosat und die Insektizide Malathion und Diazinon wurden als „wahrscheinlich krebserregend für den Menschen“ eingestuft.

Glyphosat weist gegenwärtig das höchste globale Produktionsvolumen aller Herbizide auf. Es gehört zu den meistgenutzten Unkrautbekämpfungsmitteln der Welt. Die Anwendung von Glyphosat in der Landwirtschaft hat seit der Entwicklung genetisch modifizierter Kulturpflanzen, die gegen Glyphosat resistent sind, stark zugenommen. Auch in der Forstwirtschaft sowie bei der städtischen und häuslichen Unkrautvernichtung kommt das Mittel zum Einsatz. Glyphosat wurde während der Sprühanwendung in der Luft, im Wasser und in Nahrungsmitteln nachgewiesen. Die allgemeine Bevölkerung ist dem Herbizid hauptsächlich ausgesetzt, wenn sie in der Nähe von besprühten Feldern wohnt, bei häuslicher Anwendung und über die Nahrung. Der Umfang der Aussetzung, der beobachtet wurde, ist im Allgemeinen gering.

Wir wollen erreichen, dass immer mehr Unternehmen die Risiken verstehen, die mit dem herkömmlichen Baumwollanbau einhergehen, und dass sie dementsprechend, zumindest einen Teil ihrer Produktion auf Bio-Baumwolle umstellen. Unsere Branche steht in der Pflicht, den Anteil der Bio-Baumwolle zu steigern, weit über die mehr als bescheidenen 1 Prozent der derzeitigen globalen Baumwollproduktion.

Um die Expansion von Bio-Baumwolle zu fördern, werden ständig Forschungsarbeiten mit Bio-Saatgut durchgeführt. Die dafür aufgewendeten Finanzmittel sind jedoch deutlich geringer als die Unsummen, die die GVO-Industrie investiert. Vor kurzem besuchte uns die indische Aktivistin Vandana Shiva. Wir stellten ihr viele Fragen über ihre Arbeit und wie es um die Landwirtschaft in der Welt bestellt ist. Einige Berichte beschreiben schlimme Zustände, andere bieten dagegen Grund zur Hoffnung.

Vandana setzt sich schon seit vielen Jahren für die Biodiversität ein. Zusammen mit der Bewegung Navdanya war sie am Aufbau eines Netzwerks von Saatgutbibliotheken in 18 indischen Bundesstaaten beteiligt. Navdanya hat zudem die Einrichtung von 122 Saatgutbanken im ganzen Land gefördert und schult Landwirte in den Bereichen Saatgut-Unabhängigkeit, Nahrungsmittel-Unabhängigkeit und nachhaltige Landwirtschaft.

Wir fragten sie, ob es irgendetwas gibt, was sie im Hinblick auf die Zukunft hoffen lässt. Und ohne lange zu überlegen sagte sie „Bio-Baumwolle. Denn die Saatgut-Forschung im Forschungszentrum Navdanya geht sehr gut voran.“

In Sachen Biolandwirtschaft gibt es jedoch noch viel zu tun. Im Bereich der regenerativen Landwirtschaft gibt es beispielsweise vielversprechende Ansätze, um Kohlenstoffe zu binden, mit in Reihen angebauten Nutzpflanzen, Grünflächen und Weideland. Vielleicht gibt es doch noch ein Fünkchen Hoffnung.